Megalopolis, Kapitel 1

Die Stadt war neben ihrer beachtlichen Ausdehnung vor allem eines: Alt.

Tatsächlich war sie so alt, dass keiner ihrer Einwohner genau wusste, wie alt sie war. Niemand konnte sagen, dass er jemanden gekannt hätte, der viel von der Geschichte der Stadt wusste.
Natürlich gab es einige wenige, die neben dem täglichen Überlebenskampf versuchten, etwas über die Stadt in Erfahrung zu bringen, manche ausgegrabene Artefakte deuteten auf hohes Alter hin, doch jedem dieser Gelehrten, Grabräuber oder Archäologen war bewusst, dass sie alle nur eine weitere Sedimentschicht darstellten, die auf vielen anderen aufbaute.
Genau so wenig wie man das wahre Alter der Stadt kannte, wusste jemand, wann die Zivilisation geendet hatte. Aber wirklich jedem Bewohner der Stadt war klar, dass dies, ob es nun ein schleichender Prozess oder ein abrupter Stillstand gewesen war, ebenfalls so lang zuvor geschehen war, dass sich niemand mehr daran erinnern konnte.
Die Leute wussten nur wenige Sachen genau: Es gab etwas zu essen, die Luft war atembar (von wenigen, vergifteten Teilen der Stadt abgesehen) und es gab meistens sauberes Wasser. Und selbst diese geringfügigen Wahrheiten waren schwindendes Wissen.
Eines war jedoch von alters her überliefert worden, und die Einwohner der Stadt hatten dieses simple Stück Information verinnerlicht, ohne sich dieser Tatsache bewusst zu sein.
Die Stadt wurde von all den Leuten, die in ihr lebten, ‚Megalopolis’ genannt.

Aygwen hatte sich schon immer viele Gedanken gemacht: Um ihr Leben im Allgemeinen, ihre Mitmenschen, das Überleben natürlich, doch vor allem über die Vergangenheit: Sie wollte wissen, was hinter dem Zusammenbruch dieses ganzen Haufens Stahl, Beton, Glas und Information steckte. Sie wusste nur zu genau, dass sie es vermutlich nie herausfinden würde, aber es gab einige erstaunliche Einsichten, die man erlangen konnte, wenn man nur genau hinsah.
An diesem Tag war sie tief in Gedanken versunken. Das bedeutete nicht, dass sie nicht wachsam war. Achtlosigkeit wurde nur zu oft und schnell bestraft. Wer eine Bewegung nicht aus dem Augenwinkel wahrnehmen konnte, wenn er allein war, würde nicht in die Sicherheit seiner vertrauten Umgebung zurück gelangen, und so war eine herausragende periphere Sicht ein Merkmal, das viele derjenigen teilten, die sich selbst als ‚Sucher’ bezeichneten und die sich außerdem dadurch auszeichneten, dass sie weit herumstreiften. Aygwen hatte sich nie so genannt, aber vermutlich war die Bezeichnung so gut wie jede andere für das, was sie tat.
Die Sonne brannte der jungen Frau in den gebräunten Nacken, während sie durch die Trümmer einer breiten Straße stapfte und dabei unbewusst den größten Betonbrocken und Lücken im Asphalt auswich. Gröbere Bruchstücke knirschten unter ihren alten, aber stabilen Stiefeln. Aygwen hielt das rissige Leder so gut in Schuss, wie es ihr nur möglich war, indem sie die Stiefel regelmäßig einfettete. Ihre Stiefel waren vermutlich Aygwens wertvollster Besitz und sie brauchte sie für ihre langen Wanderungen. Die meisten ihrer Leute hatten nur Fußlappen oder Sandalen, aber damit wäre ein Vorankommen in den Gegenden, die nicht von Trümmern geräumt waren, nahezu unmöglich gewesen. Sie trug ein ärmelloses Hemd, dessen ursprüngliche Farbe einmal weiß gewesen war, doch das war nun zu mit schmutzigen Flecken übersäten Pergament ausgeblichen. Die unteren Hemdszipfel waren über Aygwens Bauchnabel verknotet, um die Hitze erträglicher zu machen.
Ihr Leinenrucksack war heute kaum gefüllt, von dem Proviant und der Wasserflasche abgesehen, und hing tief über der Hose, die kurz über der Mitte ihrer braunen, drahtigen Oberschenkel endete. Die Hose wurde von einem geflochtenen Gürtel gehalten, an dem sich Aygwens zweiter wertvoller Besitz befand: Das Schwert, das sie seit ihrem zwölften Lebensjahr mit sich herumtrug. Remo hatte es ihr damals gemacht, aus einem der wenigen und somit heiß umkämpften Metallstücke. Remo war schon damals so alt gewesen, dass er sich noch an Zeiten erinnern konnte, in denen Metall noch nicht so rar war, und sogar dass die BioSynths es einst ausgegeben hatten, so dass die Leute ihres Stammes es bearbeiten konnten.
Auch die Bearbeitung des Metalls war ein Handwerk, das abhanden gekommen war, obwohl erst in den letzten drei oder vier Jahrzehnten. Wie Remo das Schwert in Form bekommen hatte, darüber wollte er nicht reden, aber Aygwens Mutter hatte damals darauf bestanden, dass sie es immer bei sich trug und damit umgehen lernte. Nicht, dass Aygwen sich das hätte zweimal sagen lassen. Damals war sie noch so leicht zu begeistern gewesen, dass es ihr sofort in Fleisch und Blut überging, ein solches Geschenk angemessen zu würdigen.
Mittlerweile waren genau zehn Jahre vergangen und Aygwen war eine junge und ansehnliche Frau. Sie hielt ihr hellblondes Haar kurz geschoren, weil es einfach praktischer war und sie außerdem vor Läusen und bösartigeren Parasiten bewahrte. Vor einigen Jahren war ein Mädchen aus der Nachbarschaft mit Eiterflöhen infiziert worden. Nachdem Aygwen das dichte Haar des älteren Mädchens gesehen hatte, das von den kleinen, aber tödlichen Insekten wimmelte, hatte sie mehr als einen Monat lang Alpträume gehabt und hatte angefangen, sich regelmäßig den Kopf zu scheren und ihre Körperbehaarung mit der scharfen Klinge des Messers fortzuschaben, das an der anderen Seite ihres Gürtels hing und ein Erbstück ihres Vaters war. Er hatte sich damit immer rasiert und Remo hatte es für sie aufbewahrt (und benutzt, aber er hatte es natürlich in gutem Zustand erhalten).
Ihre Mutter hatte sie anfangs wegen dieser Angewohnheit ausgelacht, aber Aygwen konnte stumm auf das Mädchen zeigen. Es hatte überlebt, aber die entsetzlichen Geschwüre, die den Körper des Mädchens verunzierten, waren für jedermann sichtbar, genau wie der traurige, aber leere Blick. Aygwens Mutter hatte schnell verstanden, und die Sitte ihrer Tochter übernommen.

Neben der Tatsache, dass Aygwen eine Sucherin war, gab es noch einen weiteren bemerkenswerten Punkt in ihrem Leben: Sie war zweiundzwanzig Jahre alt und hatte noch kein Kind bekommen.
Das war ungewöhnlich für ein Mädchen aus ihrer Nachbarschaft. Zwar hatte Aygwen gehört, dass es Stämme gab, in denen strenge Geburtenkontrolle betrieben wurde, aber in der Gegend in der sie lebte, schienen die jungen Frauen sich getröstet zu fühlen, wenn sie Kinder in die Welt setzten. Die Männer beteuerten das auch meistens, während sie den Mädchen den Hof machten, aber eine erstaunliche Zahl allein erziehender Mütter hatte in Aygwen die nicht ganz unrichtige Vermutung geweckt, dass die meisten Männer und Jungen doch nicht so sehr in ihre Nachkommenschaft vernarrt waren, wie sie es zu sein schienen, wenn sie versuchten, ihre Angebeteten herumzukriegen.
Aygwens eigene Mutter war nur dreißig Jahre alt gewesen, als sie vor sechs Jahren an einem Fieber gestorben war, ihr Vater hingegen war immerhin in ihrem Alter gewesen, als eine Bande Marodeure die Nachbarschaft überfallen hatten und er getötet worden war. Aygwen war damals 4 Jahre alt gewesen, und sie konnte sich an ihren Vater nur schemenhaft erinnern. Meistens entfiel ihr heutzutage selbst sein Name. Christopher oder Christian? Sie war nicht ganz sicher. Aygwen wies eine bemerkenswert selektive Erinnerung auf. Kleinste Details eines Fundstückes von vor drei Jahren konnte sie sich ohne Schwierigkeiten ins Gedächtnis rufen, wohingegen sentimentalere Bestandteile ihres Lebens für sie keinen Wert besaßen. Obwohl Aygwen ihre Mutter sehr geliebt hatte, solange sie noch lebte, hatte sie ihre sterblichen Überreste zur Ruhe gebettet und danach keine Zeit mit Trauer verschwendet, sondern sich ihr eigenes Leben aufgebaut.

Aygwens lange, muskulöse Beine schritten schnell aus, während die Sonne in ihrem Rücken sich langsam in Richtung des Horizonts bewegte. Sie war drahtig geworden durch ihren aktiven Lebenswandel und jeder Babyspeck, den sie noch im Alter von fünfzehn Jahren mit sich herumgetragen hatte, war mittlerweile langen, flinken Muskeln gewichen, die trotz Aygwens Schlankheit stark genug waren, dass sie den Wolkenkratzer hatte besteigen können, wobei sie weite Strecken nur mit Hilfe ihres Wurfhakens und des daran befestigten Leinenseils frei schwingend hatte zurücklegen müssen. Aygwen war im Morgengrauen aufgestanden, um eine Erzählung zu überprüfen, und als sie um den Mittag herum aus dem zersplitterten Überrest eines der oberen Stockwerke geschaut hatte, musste sie sich eingestehen, dass Remo wieder einmal Recht behalten hatte. Was Aygwen für eine amüsante Übertreibung gehalten hatte, erwies sich als die lautere Wahrheit: Die Megalopolis erstreckte sich tatsächlich von Horizont zu Horizont.
Als sie die Entfernung vom Boden mit Hilfe ihres Seiles geschätzt hatte und auf sicher einen halben Kilometer Höhe gekommen war, war sie zu dem Schluss gekommen, dass sich mindestens achtzig Kilometer in alle möglichen Richtungen Gebäude erstreckten. Sie konnte die beiden Flüsse im Osten sehen, die zersplitterten Brücken darüber, genau wie die großen Inseln in der Bucht im südwestlich der Flussmündungen, wo das Meer begann. Auch die Bucht im Nordosten war gut erkennbar, wenn auch von Nebel verhangen. Von Norden nach Süden waren Häuser zu sehen, genau wie weit in den Westen hinein und sie nahmen kein Ende soweit Aygwens scharfe Augen reichten. Während sie ein Stockwerk tiefer ein kurzes Mittagessen zu sich nahm, dachte sie darüber nach, wie weit die Megalopolis tatsächlich reichen mochte. Dabei fiel ihr eine intakte Glasscheibe ins Auge, und sie vermerkte beinahe unbewusst die interessante Begebenheit, dass das Glas scheinbar verlaufen war. Aygwens Wissen nach verlief Glas nicht, außer, wenn man Remos Geschichten Glauben schenkte, in großer Hitze. Sie hatte das überprüft, indem sie einen großen Splitter in ein abendliches Lagerfeuer geworfen hatte, aber er war nur zersprungen und hatte ihr eine blutende Wunde an der Wade eingebracht. Diese Scheibe hier jedoch sah nicht aus, als wäre sie jemals großer Hitze ausgesetzt gewesen. Es war weder Ruß zu sehen, noch andere Spuren eines Feuers, das heiß genug hätte sein können.
Aygwen hatte in den letzten Tagen begonnen, alle Leute die sie kannte zu befragen, ob jemand wusste, wie groß die Megalopolis eigentlich war. Keine der Antworten, von seltsamen Blicken bis hin zu der Andeutung, dass doch jeder wissen müsse, dass die Megalopolis unendlich groß sei, konnte Aygwen befriedigen, also hatte sie beschlossen, eigene Nachforschungen anzustellen. Auch die Händler, die einmal im Monat kamen, um ihre Waren zum Tausch feil zu bieten hatten mit dem Kopf geschüttelt. Einer hatte berichtet, er sei drei Monate in Richtung Südwesten gelaufen, während er der Küste gefolgt sei, doch auch er sagte, dass kein Ende in Sicht gewesen sei. Aygwen hatte das zu diesem Zeitpunkt als Händlerlatein abgetan, doch nun war sie sich nicht mehr so sicher, ob der Mann nicht recht gehabt hatte.
Nach ihrem Mittagessen hatte sie sich an den Abstieg gemacht, nicht ohne vorher die Glasscheibe zerschlagen und einen großen Splitter in ihrem Rucksack verstaut zu haben. Es war später Nachmittag gewesen, als Aygwen wieder auf der Straße gestanden hatte, verschwitzt und staubig, und kein bisschen zufriedener mit ihren Entdeckungen. Sie hatte oft feststellen müssen, dass die Antwort auf eine Frage nur zu hunderten weiteren Fragen führte, und dennoch verspürte Aygwen einen Drang, all diesen Fragen, die sie quälten, auf den Grund zu gehen.
Remo lächelte oft hinter seinen weißen Bartstoppeln, wenn Aygwen ihm diese Problematik klarzumachen versuchte, und murmelte zumeist etwas von „Kommt Zeit, kommt Rat.“ Aygwen war klug genug, die pädagogische Zielsetzung hinter diesem Satz zu erkennen und musste sich mittlerweile auch eingestehen, dass das Wissen des alten Mannes viel größer war, als er zuzugeben (oder zu teilen) bereit war, nichtsdestotrotz frustrierte es sie von Mal zu Mal mehr, wenn sie feststellte, wie klein der Horizont ihrer Leute (und nicht zuletzt ihr persönlicher) tatsächlich war.

Der Stamm verließ selten die Sicherheit der direkten Umgebung des Zuteilungsgebäudes und die Leute hatten auch keinen vernünftigen Grund dazu. Die Megalopolis war gefährlich, das wusste jeder, und es war genug zu essen und zu trinken für alle gleich dort verfügbar, wo der Stamm lebte. Nicht besonders abwechslungsreich, aber nahrhaft und somit bei weitem genug, um über die Runden zu kommen. Es gab genug Platz, um zu leben, und auch wenn die Zahl der Leute zunahm, war doch genug Schutt geräumt worden, um noch viele Hütten auf dem großen Plaza vor dem Zuteilungsgebäude errichten zu können. Aygwen selbst hatte die gut gepflegte Hütte, in der sie mit ihrer Mutter gelebt hatte, mittlerweile hauptsächlich Remo überlassen, und sich in einem alten Keller am Rande der Siedlung, den sie frei geräumt hatte, zusammen mit ihren Fundstücken niedergelassen. Sie war keine Außenseiterin, doch die Leute ihres Stammes akzeptierten ihren Wunsch nach persönlicher Freiheit mit einem Schulterzucken und einem leisen „So sind Sucher nun einmal.“
Die Gegend, durch die Aygwen wanderte, wurde von ihrem Stamm ‚die Zähne’ genannt, nach dem Aussehen der Skyline, die an zerbrochene Hauer gemahnte, wenn man sie im Sonnenuntergang betrachtete. Es gab viele alte Wolkenkratzer in diesem Stadtteil, doch alle waren von einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes vor langer Zeit amputiert worden. In den Zwischenräumen der Gebäude lag viel gefährlicher Schutt herum und nach Einbruch der Dunkelheit war es sicherer, dort nicht umherzuwandern. Die Zähne lagen in etwa einer Stunde Fußweg Entfernung zu Aygwens Heimat, aber manchmal konnte man nachts Kreischen, tierartiges Heulen und mahlende Geräusche vernehmen, wenn der Wind aus dieser Richtung wehte. Viele Leute ihres Stammes machten ein abergläubisches Zeichen, das den bösen Blick abwehren sollte, wenn man in ihrer Gegenwart die Zähne erwähnte, doch Aygwen hatte sich nie mit derlei Übertreibungen abgegeben.
Ihr Stamm war liberal eingestellt und erlaubte fast alle Religionen und persönliche Überzeugungen, so diese denn nicht gegen die allgemein akzeptierte Ethik verstieß; Menschenopfer zum Beispiel waren verpönt, genau wie die meisten anderen der blutigen Ritualien, die einigen Kulten der Megalopolis laut Gerüchten zu eigen sein sollten.
Ihre Mutter hatte fromm zu einem namenlosen Gott gebetet, doch Aygwen selbst hatte diesen Glauben nie übernommen, zum einen aus jugendlicher Skepsis, und zum anderen, weil sie nie das Gefühl hatte, den Trost zu brauchen, den ihre Mutter aus ihrem Glauben zu ziehen schien. Aygwen hatte sich zwar Gedanken um Glauben und Götter gemacht, aber ihr Verlangen nach greifbaren Beweisen hatte diese Überlegungen schnell auf einen vergleichsweise unwichtigen Punkt ihrer persönlichen Prioritätenliste verbannt. Sie hatte nie an den Gottesdiensten ihres Stammes teilgenommen, die die Leute trotz ihrer teilweise unterschiedlichen Überzeugungen zusammen vollzogen hatten, aber obwohl man ihr zu Verstehen gegeben hatte, dass sie auch dann bei der Andacht willkommen sei, wenn sie nicht religiös sei, hatte Aygwen erkennen können, dass ihr Stamm sie auch dann respektierte, wenn sie fernblieb. Es waren gute Leute, auch wenn sie einen begrenzten Blickwinkel in Aygwens Augen hatten.

Während sie einen Blick in den blauen, wolkenlosen Himmel warf und kritisch die rote Färbung im Westen betrachtete, die versprach, dass es bald dunkel werden würde, hörte Aygwen ein lauter werdendes Kreischen quer zu ihrer Marschrichtung, das näher zu kommen schien. Sie runzelte die Stirn und schritt schneller aus. Das Kreischen klang wie Kriegsgeschrei, fast tierisch, aber mit menschlichen Lauten durchsetzt, und es gab keinen vernünftigen Grund, sich einer Gefahr auszusetzen, wenn es nicht sein musste.
Aygwen schätzte, dass mindestens ein halbes Dutzend der Kreaturen dort draußen etwas jagten. So wie sie die räuberischen, halb tierischen Stämme aus dieser Gegend kannte, war es wahrscheinlich ein verletztes Stammesmitglied, das nun das Privileg hatte, der Ernährung des restlichen Clans dienen zu dürfen. Die Barbaren, wie sie allgemein genannt wurden, waren im Allgemeinen zu vorsichtig, um sich mit echten Siedlungen oder gut geschützten Händlerkarawanen anzulegen und da sie keine Zuteilungsgebäude beanspruchen konnten, war das Leben für diese Wesen hart. Dennoch wusste Aygwen aus Erfahrung, dass auch einsame Reisende gern als Beute betrachtet wurden, wenn sie sich ihrer Haut nicht wehren konnten.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf rückte sie ihren Rucksack zurecht und zog ihre beiden Klingen aus den Futteralen, während sie vorsichtig um die nächste Ecke spähte. Als sie keine Bewegungen wahrnehmen konnte, wollte sie schon zur nächsten Hauswand huschen, doch gerade, als sie einen Schritt vorwärts machte, sah sie einige der zerlumpten Barbaren im ersten Stock des Hauses, um das sie herumschaute. Die sehnigen Gestalten hatten sie noch nicht gesehen, und machten sich an den Trümmern der zur Seitenstraße führenden Gasse zu schaffen.
Aygwen machte wieder einen Schritt zurück, um außerhalb des Sichtfeldes der Barbaren zu bleiben und runzelte die Stirn. Es hatte fast ausgesehen, als würden die Halbmenschen eine Falle vorbereiten.
Das war ungewöhnlich, und jetzt, wo Aygwen darüber nachdachte, war es an sich schon ungewöhnlich genug, dass die Barbaren aus ihren Verstecken kamen, bevor es dunkel wurde.
Das Jagdgeheul kam näher und Aygwen schaute erneut vorsichtig um die Ecke, gerade rechtzeitig, um eine hoch gewachsene Gestalt um die ihr gegenüber liegende Ecke biegen zu sehen. Der Mann war in einen langen Lederponcho gekleidet und trug einen breitkrempigen Hut, der sein Gesicht verdeckte. In einer Hand schwang er im Takt mit seinen weit ausholenden Schritten ein gut ein Meter langes Messer, in der Anderen einen langen Stab mit einem Holzgriff. Wenige Schritte hinter ihm bogen sieben der Barbaren in ihrem seltsamen, aber nichtsdestotrotz raschen, fast vierbeinigem Laufschritt um die Ecke und bevor Aygwen dem Mann eine Warnung zu rufen konnte, brachen die Barbaren in dem Haus ein großes Stück der Mauer heraus, um es auf den Mann krachen zu lassen, während sie selbst hinterher sprangen.
Aygwen fluchte und sprang wider besseren Wissens in die Gasse, um dem Mann zu helfen. Wie durch ein Wunder hatten die Mauerbrocken ihn fast vollständig verfehlt, bis auf ein großes Stück, das ihn am Oberschenkel getroffen hatte, so dass er nun humpelnd anhielt und sich vorn wie hinten einer sechsfachen Übermacht entgegen sah. Sein Blick fiel auf Aygwen und im selben Moment realisierten die Barbaren, die aus dem Haus gesprungen waren, dass hinter ihnen eine neue Bedrohung aufgetaucht war.
Ohne lang nachzudenken schwang Aygwen ihr Schwert in einem weiten Bogen und trat aus, um einen anspringenden Gegner zu stoppen. Ihr Schlag war federnd, wie sie es gelernt hatte, nicht mit zu viel Wucht geführt und sie riss in einer Aufwärtsbewegung die Klinge, die sich zwischen Schulter und Hals ihres ersten Gegners eingebettet hatte, frei, noch während ihr Messer wie eine metallisch glitzernde Schlange quer über den Brustkorb eines dritten Barbaren schnitt, der vor Schmerz kreischend zurückwich und einen Vierten zu Fall brachte. Dann waren die beiden letzten Barbaren heran und Aygwen konnte nur noch mit der Klinge ihres Schwertes einen heftigen Schlag nach ihrem Gesicht parieren, während ein Knüppel sie hart in die Rippen traf. Die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst und Aygwen sah Sterne. Blut spritzte aus der Wunde ihres zusammenbrechenden ersten Gegners und der Unterarm desjenigen, der nach ihrem Gesicht geschlagen hatte, flog als Resultat der Parade mit ihrem gut geschärften, beidseitig geschliffenen Schwert in einem hohen Bogen davon. Sie stolperte zur Seite, um ungeschickt einem weiteren Knüppelhieb auszuweichen und rammte dem Opfer ihres Trittes, das sich gerade wieder aufrappeln wollte, die Spitze ihres Schwertes in die Brust. Der Barbar, dessen amputierter Arm helles Blut verspritzte, versuchte, vor Panik und Schmerzen fast besinnungslos, zu fliehen und schickte stolpernd seinen leicht verletzten Kameraden erneut zu Boden, so dass sich nun drei der Kreaturen in einem blutigen Knäuel verstrickten.
Aygwen fing einen erneuten Knüppelhieb ab, indem sie mit der nach oben gerichteten Klinge ihres Messers den Unterarm des Besitzers aufspießte, was dieser mit einem entsetzten Aufkreischen kommentierte. Aygwen riss die Klinge aus der Brust des Toten und tötete den Knüppelschwinger mit einem harten seitlichen Schlag an den Kopf. Zum ersten Mal hatte sie Luft, um zu sehen, was der Fremde tat, als ein lauter Knall die Gasse erfüllte und sie erschrocken zusammenzuckte. Aus dem Stab des Mannes zuckte eine kleine, orangerote Flamme und einer der Barbaren, die noch übrig waren wurde an eine Wand geschleudert. Der Fremde erstach den letzten seiner Gegner und sah kurz zwei fliehenden Barbaren nach, bevor er den Stab erneut hob und zweimal in das Knäuel feuerte. Aygwen tötete den Barbaren, dessen Arm sie abgeschlagen hatte und richtete sich keuchend auf, noch immer kampfbereit abwartend, wie der Fremde reagieren würde. Sie schwor sich insgeheim, ihn anzuspringen, wenn er den Stab in ihre Richtung heben sollte.

Doch dazu kam es nicht, denn er senkte sowohl sein Messer als auch die seltsame Waffe und verbeugte sich aus der Hüfte. „Ich danke ihnen, Lady.“ Seine Stimme war merkwürdig monoton und ausdruckslos, aber die Worte waren klar artikuliert, wenn auch ein wenig archaisch in ihrer Wahl. Erleichtert senkte auch Aygwen ihre Waffen, ohne sie jedoch wegzustecken. Es konnte immer noch eine Finte sein, und etwas zu viel Misstrauen schadete selten mehr als zu wenig davon.
Aus der Nähe betrachtet, konnte sie sehen, dass der Mann aufgerichtet gute zwei Meter groß sein musste, doch er hielt sich merkwürdig gebückt. Sie entschloss sich, ihm zu antworten. „Was hast du getan, um diese Meute so früh aufzuscheuchen?“ Aygwen steckte ihr Messer ein und betastete vorsichtig ihre Seite, wo der Knüppel sie getroffen hatte, so dass sie zunächst nicht in das Gesicht des Fremden schaute, als dieser seinen Hut abnahm. Als sie es tat, keuchte sie überrascht auf, denn die hellblaue Haut und rudimentären Gesichtszüge wiesen den Mann eindeutig als BioSynth aus, eine Art Kunstmenschen, die seit Jahrzehnten niemand mehr zu Gesicht bekommen hatte. Es hieß, dass die BioSynths irgendwo unterirdisch von längst vergessenenen Geräten produziert wurden und die lebenswichtigen Zuteilungsgebäude warteten. Obwohl Aygwen noch nie einen der Androiden gesehen hatte, war dieser hier vollkommen anders, als sie es nach den Erzählungen erwartet hatte. Zunächst einmal galt es als gegeben, dass Biosynths niemals Waffen trugen und von dem, was Remo erwähnt hatte, waren sie einheitlich nur etwa anderthalb Meter groß, was auch der Standardgröße der meist verschlossenen Wartungsklappen in den Gebäuden entsprach. Noch dazu kam, dass BioSynths nie sprachen. Dieser hier jedoch erkannte Aygwens Überraschung und sprach gleich darauf noch einen Satz. „Ich hoffe, mein Erscheinen beunruhigt sie nicht, Lady.“ Sie betrachtete ihr Gegenüber und runzelte die Stirn, als sie den Anflug eines schelmischen Lächelns in den Mundwinkeln des BioSynths zu sehen vermeinte. Ihr fiel sehr wohl auf, dass der Android nicht auf ihre Frage geantwortet hatte, aber sie respektierte diese Verschlossenheit.
Sie säuberte ihre Klinge an den Lumpen eines der Barbaren und dachte kurz nach. „Nein, nicht beunruhigt, nur überrascht. In dieser Gegend sieht man nicht viele BioSynths. Mein Name ist übrigens Aygwen, nicht Lady.“, untertrieb sie. „Eine interessante Waffe, mit der Du die Barbaren in die Flucht getrieben hast.“ Die Augenbrauen des Androiden zogen sich kurz misstrauisch zusammen, dann schulterte er den Stab mithilfe eines daran angebrachten Lederbandes. „Ein Gewehr, Aygwen. Ich werde Streuner genannt und bin, wie man unschwer erkennen kann, eine autarke BioSynth-Einheit, Designation Ordnungshüter. Kannst du mir sagen, ob es in der Nähe eine Siedlung, einen Stamm oder eine Ausgabestelle gibt?“
Aygwen überlegte kurz, steckte dann das Schwert wieder ein und nickte „Lass uns gehen, es ist noch ein gutes Stück und es wird dunkel.“

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