Go for it!

Der junge Mann trat hinaus auf das Metalldeck der Boxensektion. Er trug einen Helm unter seinem Arm und ließ seinen Blick über die Masse der verschiedenen Spaceracertypen schweifen. Überall herrschte geschäftiges Treiben, die Mechaniker rannten durcheinander, ebenso wie die Piloten der Boliden. Es war nun nicht mehr lang bis zum Start und einige Racer verließen bereits die Station, die im geostationären Orbit über Terra hing, durch das Schutzfeld, das die Atmosphäre innerhalb des Hangars hielt.
Er schaute sich um und entdeckte seinen eigenen rot schwarz lackierten Racer. Er hatte keinen Mechaniker, der sich um alles kümmerte, also hatte er ihn selbst in Schuss gebracht. Er wusste, das würde heute sein großer Tag werden. Um nichts im Universum war er bereit, auch nur einen Meter zurück zu weichen. Dies war seine Chance, es auch den ganz Großen zu zeigen. Die Vorrunden waren hart genug gewesen und hatten Unmengen seines Geldes verschlungen, aber immerhin hatten sie zwei Dinge bewirkt: Zum einen, dass er immerhin einen Sponsor hatte, und zum anderen, was viel wichtiger war, dass er heute hier stand.

Er atmete tief ein, setzte den Helm auf und aktivierte die hermetische Verriegelung, die ihn mit dem Raumanzug verband. Seine Schritte klangen hart und metallisch auf dem Boden, aber irgendwie war es fern von ihm, gedämpft durch den Helm.
Er packte den Handgriff und setzte einen Fuß auf die Trittleiter zu seinem Cockpit. Sanft streichelte er mit der anderen Hand über den Lack seiner Maschine, dann zog er sich endgültig hoch und ließ sich in das enge Cockpit sinken. ‚Für einen Klaustrophobiker wäre das kein Job’, dachte er, als er sich anschnallte und die Kontrollen sich auf ihn herab senkten, und ihn so noch weiter einklemmten. Dann betätigte er den Schließmechanismus der Kanzel und sie senkte sich über seinem Kopf, um sich dann mit einem Zischen, das anzeigte, dass die Kanzel nun unter Druck stand, zu schließen.
Der durchschnittliche Racer war nicht viel mehr als ein gewaltiges Triebwerk, auf das ein Cockpit, Treibstofftanks und Kontrollen auf geflanscht wurden. In der Tat war der schwarz rote Racer des jungen Mannes einmal ein Antriebsaggregat in einem Kreuzer gewesen, ein Schlachtschiff, dessen Name nun nur noch bedeutete, dass es aus geschlachtet worden war. Trotz des gewaltigen Schubs, die das Gerät produzieren konnte, insbesondere wenn es nicht mit der Massenträgheit eines Großraumschiffes zu kämpfen hatte, war das Kleinstraumschiff überaus manövrierfähig, dank der vielen Steuerdüsen, die von einem eigenen Brennstofftank gespeist wurden. Er konnte es sich leisten, so viel Mehrgewicht mit zu schleppen, da das Triebwerk ohnehin mehr Kraft aufbringen konnte, als er einzusetzen in der Lage war, ohne seinen Racer durch die Beharrungskräfte, die dabei auf kämen, zu Weltraumschrott zu verarbeiten. Die Schwierigkeit bei der Midnight Shark lag darin, den Schub richtig zu dosieren. Setzte er zu wenig ein, würde er verlieren, setzte er zu viel ein, war sein Racer hinüber.
Bewusst wartete er, bis alle anderen Teilnehmer des Rennens ihre Schiffe aus dem Hangar gesteuert hatten, dann setzte er das Hauptaggregat in Gang. Ein Repulsorkissen hob die Midnight Shark aus ihrer Box und ein leichtes Feuern der Steuerdüsen brachte sie auf den richtigen Kurs. Es war, aus offensichtlichen Gründen verboten im Hangar die Hauptaggregate zu nutzen. Es gab einen kurzen Ruck, als er durch das Schutzfeld flog und dann war er im freien Weltall, Terra, einem gewaltigen Saphir gleich, 150 Kilometer unter ihm. Er flog an seinen Startplatz und konnte den Jubel spüren, ein Teil davon galt heute ihm. Und noch mehr würde es sein, wenn er erst gewonnen hätte, was er sich wiederum fest vorgenommen hatte.

Natürlich war er ein Speed- und Adrenalinjunkie, wie eigentlich jeder Racerpilot. Das Preisgeld bedeutete ihm nicht viel, er lebte für die Geschwindigkeit und den Thrill, der bei jeder engen Kehre bei einem hohen Prozentsatz der Lichtgeschwindigkeit gegenwärtig war; er lebte für den Ruhm, den es ihm einbrachte, einer der besten Piloten zu sein, die die Menschheit zu bieten hatte und er lebte für den Wettlauf gegen die Stoppuhr.
Die Zeit war schon immer gegen ihn gelaufen und er gegen die Zeit und die Rennen machten aus diesem ewigen Wettkampf die ultimative Herausforderung.
Eine Stimme erklang in seinem Helm: „Alle Piloten fertig machen, T minus eine Minute bis zum Start. Alle Checks durchgeben.“
Der junge Mann testete alle Systeme und als er sah, dass jedes ihm ein grünes Licht gab, leitete er es an die Rennleitung weiter. Zwei Racer verließen die Startlinie, offenbar mit Motorschäden. Das kam häufig vor. Die meisten Racer verwendeten mehrere Raumjäger-Turbo-Aggregate, die für erhöhte Leistung noch weiter getunt wurden. Leider brachte das eine Empfindlichkeit mit sich, die mit solcherlei Ausfällen bestraft wurde. Er konnte nicht anders, als kurz den Mund zu einem Grinsen zu verziehen. Genau das war der Grund gewesen, warum er sich für ein einzelnes Antriebsaggregat entschieden hatte. Obwohl sein Racer einer der größten war, was allein an den Ausmaßen des gewaltigen Impulstriebwerks lag, war er auch mit Sicherheit einer der schnellsten und manövrierfähigsten. Die Midnight Shark bezahlte dafür mit einer wesentlich flacheren Beschleunigungskurve. Für ihren Piloten bedeutete das nichts weiter, als dass er sogar in den Kurven beschleunigen musste, um eine Chance zu haben, für die Shark bedeutete es gewaltige Beharrungskräfte, die auf sie einwirkten.
„T minus 20 Sekunden. Alle Piloten startbereit machen.“
Die Stimme war androgyn, durch die Funkverbindung. Als der Zehnsekunden-countdown startete, gab der junge Pilot dem Triebwerk genug Gas, um es kurz auf brüllen zu lassen. Die Midnight Shark bäumte sich in den Halteklammern auf, die einen Fehlstart verhinderten und das Publikum jubelte ihm und den anderen, die diesen traditionellen Stunt wagten, begeistert zu. Dann sprang das rote Licht auf grün um und zwölf Racer jagten los, rannten gegen die Uhr und für den Sieg.

Natürlich wurde die Midnight Shark schnell ins Mittelfeld und dann auf die hinteren Ränge verdrängt aber daran war ihr Pilot gewöhnt. Gleichmäßig jagte er das Impulstriebwerk in die höheren Gänge und holte merklich auf. Bald erreichte er die Geschwindigkeit, die noch weit unter der theoretischen Höchstgeschwindigkeit lag, aber noch sicher genug war, um Ausweichmanöver oder Kurven fliegen zu können. Er ließ das Mittelfeld hinter sich und raste an den Nachzüglern der Favoriten vorbei, bis er sich mit einem anderen Jockey um den dritten Platz streiten musste. Die Streckenmarkierungen, die in jeweils 1000 Kilometern Abstand platziert waren, rasten an seinem Sichtfeld vorbei, dann gelangte er an die erste Schikane. Mit kühlem Kopf aktivierte er das Steuerbord-Manöverdüsenarrangement und raste mit unverminderter Geschwindigkeit hindurch, wurde fast aus der Strecke getragen, aber gab dann am Scheitelpunkt der Kurve wieder Horizontalschub und fegte an seinem Kontrahenten vorbei auf den zweiten Platz. Jupiter blitzte in der Ferne auf und er war sicher, das erste Etappenziel nach einer knappen Stunde zu gewinnen, aber der Favorit des Rennens machte ihm einen Strich durch die Rechnung, indem er seine Überholmanöver wiederholt vereitelte. Sie rasten weiter, nur 45 Minuten später an dem Ehrfurcht gebietenden Ringsystem des Saturn vorbei, wo das erste gefährliche Hindernis die Racer erwartete: Das Wurmlochportal ins Quintana-Roo-System. Niemand wusste von vornherein genau, wie sehr ein Wurmlochflug ein Schiff beschädigen würde. Außerdem waren die Racer nach dem Flug durch die Passage nicht mehr von der Armee beschützt und stellten Freiwild für Piraten und andere dar, die ihre Wetten gewinnen wollten. Es kam oft genug vor, dass ein unvorsichtiger Pilot aus dem Rennen geschossen wurde, weil ein reicher Makler Freibeuter bezahlte, um einen anderen gewinnen zu sehen (und sein Geld danach zu zählen).
Dann sah er seine Chance, sein Kontrahent wurde langsamer, als er auf das Wurmloch zuflog.
Mit einem Aufheulen des Triebwerks, dass sich durch die Streben des kleinen Raumschiffs bis in seine Backenzähne übertrug, raste er an ihm vorbei und in den vor Farben wirbelnden Dimensionsschlauch.
Die Energien beutelten das Schiff, aber er weigerte sich, langsamer zu werden. Blitze aus purem Plasma jagten auf ihn zu, aber er flog Ausweichmanöver, so gut er konnte. Dennoch wurde er einige Male getroffen und Panzerplatten verdampften, Elektronik sprühte Funken und eine Warnsirene heulte in dem winzigen Cockpit auf. Dann hatte er es hinter sich und wich sofort einem gigantischen Zerstörer aus, der das Feuer auf ihn eröffnete. Die Diagnoseeinheit lief noch und er wartete ungeduldig auf eine Aufstellung seiner Schäden. Als sie eintraf, hatte er die Hälfte der Strecke zur nächsten Passage schon hinter sich und jubelte. Die Schäden würden noch vor dem Durchflug der nächsten Passage durch die Nanitenschwärme, die bereits eifrig über die Außenhülle der Midnight Shark krochen, weit genug repariert sein, dass er nicht viel zu befürchten hätte. Im Gra-El-System wartete die nächste Herausforderung, das Asteroidenfeld, das um die kleine blaue Sonne kreiste, war Teil der Strecke. Regelmäßig blieben dort einige Rennteilnehmer auf der Strecke, aber das kümmerte weder den durchschnittlichen Piloten noch die Zuschauer, die auf diese Weise immerhin etwas geboten bekamen. Die Warnsirene war mittlerweile aus und von vier roten Lämpchen auf dem Kontrollbord schalteten drei wieder auf grün um. Dann wurde das kleine Raumschiff durchgeschüttelt und das Schillern der Schilde zeigte dem Piloten, dass er soeben eine Tachyonensalve abbekommen hatte, fast genug, um die Schilde ausbrennen zu lassen. Er sah auf seine Sensoren und stellte fest, dass ein Jäger sich an ihn gehängt hatte. Eine weitere Warnsirene teilte ihm unfreundlich laut mit, dass ein Raketenzielsucher auf ihn eingestellt war. „Von wegen, Kleiner. So einfach bin ich nicht zu kriegen“, murmelte er und wartete, bis das Geschoss abgefeuert wurde, um dann einen Täuschkörper auszustoßen und der Rakete mit einem gekonnten Hüpfer auszuweichen. Der Jäger war fast genauso schnell wie er und würde ihn über kurz oder lang sturmreif schießen. Es gab also nur zwei Möglichkeiten: Entweder er floh durch das Wurmloch, oder er hängte den Jäger irgendwie ab. Der junge Mann entschloss sich für die zweite Möglichkeit und pfiff auf Sicherheit. Er schob den Schubregler auf drei Viertel und die Midnight Shark machte einen gewaltigen Satz, verbunden mit dem Ächzen der Titanverstrebungen. Der Jäger blieb hinter ihm zurück und machte eine Wende, um den nächsten Racer anzugreifen. Der Pilot grinste und nahm etwas Schub zurück, als der nächste Lichttunnel auftauchte. Die beiden Stationen die das Wurmloch an der Passage flankierten, waren voll mit Publikum des Rennens und die Werbetafeln an der Seite wünschten allen Piloten viel Erfolg. Ohne zu zögern jagte er in die Öffnung der Wurmlochverbindung und biss die Zähne zusammen bei einem Stoßgebet und der Hoffnung, dass auch diesmal nichts Schlimmes passieren würde. Wenn er den Boxenstop noch ein Wurmloch lang hinauszögern könnte, wäre sein Vorsprung unaufholbar. Natürlich kam es, wie es kommen musste. Die Midnight Shark torkelte ohne Schilde und auf zehn Prozent Hüllenintegrität reduziert ins Gra’el-System. Sofort flog er das Autodock an und war gezwungen, fast drei Minuten untätig zu warten, bevor er weiter fliegen konnte. Die Zeit hatte gereicht, um die Schilde wieder online zu bringen und die Hülle zumindest so weit zu verstärken, dass sie nicht bei einem winzigen Steuerfehler auseinander brechen würde. Als er das Triebwerk wieder aktivierte, kamen gerade die zweit- und drittplatzierten aus der Wurmlochöffnung, einer davon so schwer beschädigt, dass auch er sofort das Autodock ansteuerte. Die Midnight Shark wurde beim Beschleunigen erneut überholt, aber damit hatte ihr Pilot gerechnet. Wie schon vorher gab er langsam, aber gleichmäßig Schub und schon bald wiederholte sich das Duell um den ersten Platz. Er scannte den anderen Racer und stellte fest, dass nicht viel fehlte, um ihn aus dem Rennen zu werfen. Offenbar hatte er das Risiko auf sich genommen, schwer beschädigt weiter zu fliegen und ein Grinsen stahl sich auf das Gesicht des jungen Mannes. Das Asteroidenfeld kam in Sicht und sie tauchten ein. Er gab etwas Gegenschub, um Kollisionen zu vermeiden und dann, als er seinen Gegner genau vor sich hatte, drückte er den Feuerknopf der leichten Laserkanonen, die eigentlich gedacht waren, um Kleinstmeteoriten abzuschießen, wenn es nötig war. Der Treffer reichte nicht einmal aus, um die Schilde des anderen durchbrennen zu lassen, aber es war genug, um den anderen Piloten zu verunsichern, so dass sein Schiff bei einem eigentlich unnötigen Ausweichmanöver aus der Bahn geworfen wurde und vor einen der schwebenden Felsen prallte. Eine Rauchwolke hinter sich herziehend, brach das kleine Raumschiff auseinander und die Midnight Shark flog durch die übrig bleibenden Trümmer. Der Pilot brüllte laut seinen Triumph heraus und vollführte ein Ausweichmanöver aufs andere, um sich selbst das Schicksal seines Vorgängers zu ersparen. Als er gerade an der Bergwerkskolonie der größten Asteroiden vorbei flog, schob sich hinter ihm aus dem Sensorschatten eines der mit massiven Erzadern gefüllten Felsbrocken ein Kreuzer hervor. Der Rumpf war vernarbt von wochenlangem Einsatz fern jeder Versorgungsdepots, und die martialisch anmutende Bemalung bewies, was dieser erste Eindruck schon vermuten ließ: Der Kreuzer war ein Marodeursschiff, geächtet von den meisten zivilisierten Menschen, aber offenbar nicht geächtet genug, dass nicht einige seinem Kapitän viel Geld bezahlten.
Eine Salve der Waffenbatterien des Großkampfschiffes reduzierte die Midnight Shark zu Trümmern und tötete ihren Piloten in einem Feuersturm, als das Triebwerk explodierte.

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