Urban Laughter
Endlich finde ich mal die Zeit, eine kurze Rezension von Corporate Enclaves zu schreiben.
Aufmerksame Leser merken schon, jetzt geht’s wieder um Shadowrun ;)
Diese Rezension ist nach meinem Dafürhalten schon überfällig, gerade jetzt, da bereits das Arsenal erschienen ist (zu dem auch demnächst hier ein Artikel erscheinen wird, sobald ich’s gekauft und gelesen habe).
Allerdings entsteht dieser Text nach eingängigem Querlesen (was soll das denn sein? Ein bisschen weniger als gründliches Pauken und ein bisschen mehr als kurzes Überfliegen). Dennoch gibt er meine Eindrücke dieses Buchs wieder. Natürlich ist meine erste Kritik, dass immer noch das deutlich wichtigere Matrix-Corebook fehlt, aber natürlich betrachte ich Corporate Enclaves auch als eigene Entität:
Zunächst mal die Eckdaten: 136 Seiten, vier größere Kapitel, und ein Überblick im Inhaltsverzeichnis, wo welche Karten liegen. Praktisch, sowas, auch wenn ich mir ein bisschen mehr als vier halbseitige Überblickskarten gewünscht hätte.
Wie bereits früher berichtet, sind die Kapitel unterteilt in zwei große Brennpunkte, Los Angeles und Neo-Tokyo, ein Übersichtskapitel über Dubai, Europort, Manhattan, Nairobi und Tenochtitlán, in dieser Reihenfolge. Als Abschluss gibt es traditionsgemäß ein Spielinformationskapitel, das aufgeteilt ist in zwei Unterabschnitte mit Abenteuerideen zu Neo-Tokyo bzw. Los Angeles und einen Info-Abschnitt mit dem Titel ‘Living the Company Life.
Die beiden Kapitel über LA und Neo-Tokyo sind im Prinzip aufgebaut wie das alte und neue Seattle Quellenbuch, mit naturgemäß leicht unterschiedlichem Fokus.
Los Angeles
LA ist im Prinzip Corptown von Horizon, die da alles machen, von Disney zu Hollywood zu Netzanbieter. Es gibt einen kurzen geschichtlichen Abriss, was seit dem Erwachen bis 2070 geschehen ist, einen Abschnitt zu den einzelnen Stadtteilen sowie der direkten Umgebung: Im Süden liegt die Aztlanische Grenze und drumherum die Mojave-Wüste. Als nächstes werden die Corporate Players beschrieben, wie bereits erwähnt in der Hauptsache und damit dem Löwenanteil Horizon, gefolgt von Aztechnology und dem Pueblo Corporate Council und einem kurzen Spotlight auf andere Konzerne und, schliesslich haben wir Hollywood in der Stadt, Showbiz. Auf den restlichen acht Seiten wird ein Blick auf das organisierte Verbrechen, Gangs und das allgemeine Runnerbusiness geworfen, sowie, was ich persönlich für eine außerordentlich gute Idee halte, auf die Astralebene: Wie sieht eigentlich LA aus, wenn man sich das ganze aus dem Auge des Magiers ansieht und was sind die nennenswerten magischen Phänomene? Das fand ich schon im Shadows of Asia toll.
Wertend: Das Layout ist das übliche der vierten Ausgabe: Übersichtlich und gut zu benutzen, mit Seitenboxen zu besonderen Themen, wie z.B. wer gerade in Hollywood in ist. Zu wünschen übrig lässt leider das Bildmaterial, das meinem Anspruch so gar nicht genügt. Klotzhäuser und teilweise schlecht proportionierte Figuren lassen die Bilder alle irgendwie nichtssagend wirken. Immerhin beeinträchtigen sie nicht die Lesbarkeit und sie sind homogen, da alle vom selben Zeichner zu stammen scheinen.
Der Inhalt sagt mir zu, informativ und viele Aufhänger, zusätzlich im Spielinformationskapitel später noch mehr relevantes.
Neo-Tokyo
Das Tokyo-Kapitel ist wie bereits erwähnt, ähnlich aufgebaut. Es beginnt mit einer deutlich kürzeren historischen Zusammenfassung und springt direkt in das, was man als Ausländer braucht und hier Edo-Syncracies: A Gajin’s Guide genannt wird. Dieser Abschnitt beleuchtet kurz gängige Verhaltensregeln und damit zusammenhängendes.
Darauf folgt ein Spotlight auf die Beziehungen der Konzerne untereinander und zu dem Kaiser und was das für Runner und Bürger bedeutet sowie eine Liste der sogenannten Neo-Daymios, Konzerne, die in der Stadt aktiv sind. Da die Stadt nicht nur einem Konzern gehört wie LA, ist die Liste bedeutend länger.
Der nächste Abschnitt gibt einen Fly-Over-View des Sprawls und beschreibt einzelne Stadtteile, vom altbekannten Chiba bis hin zu Yokohama.
Nach dieser Tour werden besondere Locations beleuchtet: Restaurants, Schwarzmarktlocations, erwähnenswerte magische und Matrix-Hotspots und dergleichen mehr, z.B. sei hier ein alter Solarenergie-Satellit genannt, der im geosynchronen Orbit über Neo-Tokyo hängt und von Renraku als eine Art Denkmal ‘restauriert’ wurde. Bei diesem Modernisierungsprozess wurde offenbar noch ein Hochenergie-MASER eingebaut ;)
Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit der Tokyoter Unterwelt, insbesondere natürlich die Yakuza-Gumis und -Rengos, gefolgt von Gangs, mit denen sich hier weitergehend beschäftigt wird als im LA-Kapitel, da es sich scheinbar um ein soziales Stammes-Phänomen handelt.
Der letzte Abschnitt des Kapitels, Deniable Assets beschäftigt sich mit dem unabhängigen Runner-Geschäft, mit Umgangsprotokollen und anderen wichtigen Details.
Mein Eindruck von dem Kapitel ist durchgängig positiv. Die Texte knüpfen sinnvoll aneinander an und geben ein homogenes Bild ab. Die Bilder sind zwar keine Bradstreetwerke, aber bringen eine Stimmung rüber, die ich persönlich mit Tokyo verknüpfen würde, auch wenn sie ein bisschen rar gesäht sind. Spannendes Lesematerial.
Company Towns
Wie oben schon erwähnt, spricht dieses Kapitel in kurzen Berichten über weitere Konzernenklaven, zumeist auf die wichtigsten Details beschränkt und ansonsten sehr allgemein behandelt. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Artikel uninteressant seien, im Gegenteil. Nairobi hat z.B. einen Massebeschleuniger auf dem Kilimandjaro stehen und Europort ist eine wichtige Location, über die ich mir schon lange ein bisschen mehr gewünscht habe (ich gebe zu, das Europa-Quellenbuch ist irgendwie nie so mein Ding gewesen, keine Ahnung, ob es da was gab). Artwork ist wiederum ziemlich nichtssagend, kann ich persönlich nur mit den Schultern zu zucken.
Game Informations
Hm. Keine Werte oder so etwas, sondern tatsächlich eigentlich nur mehr Hintergrund und Abenteuerideen zu LA und Neo-Tokyo (nein, ich werde das nicht mit NT abkürzen ;). Empfinde ich allerdings nicht als schlimm sondern sogar als sehr positiv. Viel mehr zu sagen gibt es zu diesem Kapitel eigentlich nicht.
Im Großen und Ganzen gefällt mir das Buch recht gut und ich bereue meine Investition nicht. Die Ein-seitigen (nicht einseitigen ;) Kurzgeschichten am Anfang der Kapitel sind auch lesenswert und mein Fazit lautet: Super Background-Quellenbuch, in sich stimmig und sehr verwendbar, um mal aus dem öden ‘immer-die-gleiche-Stadt’-Trott raus zu kommen.

